Mengele Zoo
Mengele Zoo Buch

Gert Nygårdshaug – Mengele Zoo
Aus dem Norwegischen von Babette Hoßfeld
Öko-Thriller
448 Seiten
Gebunden in Schutzumschlag
Vida Verde Verlag
ISBN: 978-3-96698-049-4
Erschienen am 18. März 2019

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Mengele Zoo

Mino lebt im Regenwald. Sein Vater versorgt die Familie mit dem Verkauf seltener Schmetterlinge. Doch der Kapitalismus kommt gefährlich nahe. Wälder werden abgeholzt, Ureinwohner massakriert. Eines Tages zerstören die Handlanger einer Ölgesellschaft Minos Dorf und töten seine Familie. Der Junge bleibt allein zurück.
Hass und Rachegedanken werden übermächtig und sind der Beginn einer Reise durch viele Länder. Bald werden Großkonzerne und Politiker vom Terror heimgesucht. Der Überlebende wird zum Täter: Mit raffinierten Morden versucht er das Bewusstsein der Menschen zu ändern.

Kann Terrorismus für das Gute stehen? Ein fesselnder Roman aus der Sicht eines Terroristen.

»Ein publizistisches Phänomen!«

Le Monde

Gert Nygårdshaug

Gert Nygårdshaug (*1946 in Tynset) ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller Norwegens. Er veröffentlichte zahlreiche Romane, Erzählungen, Kinderbücher und Gedichtbände. Viele seiner Geschichten sind geprägt durch abenteuerliche Reisen. Ende der achtziger Jahre lebte er einige Zeit bei den Indianern am Amazonas und ist bis heute stark politisch engagiert.

1996 wurde Nygårdshaug mit dem renommierten „Cappelenprisen“ ausgezeichnet. Mit Mengele Zoo gewann er 2007 die Publikumspreis beim Literaturfestival in Lillehammer für das „beste norwegische Buch aller Zeiten“, noch vor den Nobelpreisträgern Knut Hamsun und Sigrid Undset. Der Roman ist der 1. Teil der Mino-Reihe, die insgesamt fünf Bücher umfasst.

Gert Nygårdshaug

»A prophet!«

Paris Match

Leseprobe

Pepe saß auf der Friedhofsmauer und ließ die Beine baumeln. Seine Schildkröte hatte er Lucás anvertraut. Er wartete auf Mino, denn heute war der Tag, an dem es geschehen sollte. Heute würden sie das Dorf von diesem grausamen Tyrannen befreien: Das Schwein Cabura würde sterben.

Gestern hatte er wieder Besuch von D. T. Star gehabt. Mindestens fünf Flaschen Old Kentucky Bourbon. Five Years Old hatte er Cabura mitgebracht. Erfahrungsgemäß müsste er nun um genau Viertel nach zwei in seinen Rausch fallen und ohne die Störung durch die Kaiserameisen wenigstens drei Stunden durchschlafen.

Aufgeregt und mit roten Wangen kam Mino angerannt. »Komm, Pepe! Meine Mutter ist in der Venda bei Señor Rivera, und Papa ist mit einer Schachtel Schmetterlinge zum Bus gegangen!«

Pepe hangelte sich behutsam von der Mauer, griff nach seinen Krücken und hinkte hinter Mino her. Die erste Phase ihres Plans wurde in Señor Portoguesas Blechschuppen ausgeführt.

»Schau mal, Pepe, da steht das Ethylacetat. Das Zeug ist hundertmal giftiger als die Miamorates.« Er zeigte auf die Flasche unter dem Dachbalken. Dann verließ er den Schuppen und kam mit einer großen, rostigen Blechdose mit Deckel zurück. Darin lag ein gelber Stofffetzen, der von einem alten Hemd seines Vaters stammte.

Vorsichtig und mit größter Ehrfurcht schraubte Mino den Verschluss von der Flasche. Pepe wich mit großen Augen zurück. Mino schüttete einen Gutteil über den Lappen in der Blechdose, wobei er sich die Nase zuhielt. Dann verschloss er die Dose so schnell er konnte, kletterte erneut zum Balken hinauf und stellte die Flasche genau an ihren Platz zurück.

Die erste Phase hatten sie geschafft. Nun mussten sie die Blechdose mit den Todestropfen nur noch an einem sicheren Ort verstecken und darauf warten, dass es zwei schlug.

Der Vormittag zog sich für Mino und Pepe unglaublich in die Länge. Es schien ihnen, als stünden die Zeiger der Kirchturmuhr still. Mino fing nur zwei Schmetterlinge, ganz zu schweigen von dem Pech, das sie heute beim Erbetteln von Kokosschalen hatten. Um Viertel vor eins kam Pepes Mutter und wollte ihn mit in den Dschungel nehmen, um Wildbete zu sammeln. Aber er redete sich heraus. Er habe gerade große Schmerzen im Fuß, beteuerte er. Es sei wohl am besten, wenn er in aller Ruhe auf der Friedhofsmauer sitzen blieb und Kaiserameisen beobachte.

Kurz nach eins flog eine leere Flasche Old Kentucky Bourbon. Five Years Old aus Caburas Bürofenster und hätte beinahe die alte Esmeralda, die gerade vorbeiging, am Kopf getroffen. Der Dschungel reichte fast bis an die Rückseite des Hauses, in dem sich Caburas Büro befand. Mino und Pepe hatten herausgefunden, dass selten jemand hierherkam. Hier lag, zwischen zwei Bromelien, Caburas privater, stinkender Abort. Außerdem war es verboten, sich Caburas Büro auf mehr als zehn Meter zu nähern, solange kein triftiger Grund vorlag. An der Rückseite gab es ein Fenster, durch das man mit ausgestreckter Hand den haarigen Nacken des Sargento berühren konnte, wenn er in seinem Stuhl saß.

Die übrigen Armeros, inzwischen mehr als fünfzehn, hielten sich in der Caserna im gegenüberliegenden Gebäude auf.

Mino und Pepe schlichen zwischen den Bäume hindurch. Endlich war es kurz vor zwei. Außer der Blechdose, die Mino vorsichtig bei sich trug, hatte Pepe einen robusten, fast zwei Meter langen Stock dabei, in dessen dünnes Ende er eine tiefe Kerbe geschnitzt hatte. Die Kinder achteten gewissenhaft darauf, nicht auf dürre Zweige zu treten. Beide waren ungewöhnlich blass. Hinter einer dicken Metador-Wurzel blieben sie stehen.

Sie konnten Cabura sehen: Er hatte eine halbleere Flasche vor sich stehen, saß nach vorne gebeugt da und war mit dem Kopf auf der Tischplatte eingeschlafen. Sie nickten einander zu.

Plötzlich klingelte Caburas Telefon, und er richtete sich auf, um den Hörer abzunehmen. Sie hörten ihn etwas Unverständliches lallen, unterbrochen von Beschwörungen und Flüchen. Endlich legte er auf, griff nach der Flasche und nahm einen ordentlichen Schluck. Er rülpste laut und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, wobei er die lehmverschmierten Armeestiefel auf den Tisch legte. Dann schloss er die Augen und pustete eine Pium- Fliege fort, die sich auf seine Nase gesetzt hatte.

Mino und Pepe hielten den Atem an und sahen sich um. Alles verlief nach Plan.

Nach fünf Minuten öffnete Cabura den Mund, um besser atmen zu können. Zwei Minuten später hörten sie die ersten Schnarchlaute, die bald darauf in ein gleichmäßiges, geräuschvolles Sägen übergingen.

Pepe fing an zu zittern. Er musste die Krücken ablegen und sich gegen die Wurzel lehnen. »Ich glaub, das geht nicht, Mino«, flüsterte er. »Er wacht bestimmt von dem Gestank auf. Dann sind wir dran. Meine arme Mutter. Deine armen Eltern und Geschwister.«

»Quatsch! Sei nicht so ein Angsthase. Das Schwein wacht nicht mehr auf. Wart’s ab.« Mino kniff die Lippen zusammen, und das schmale, zarte Jungengesicht bekam einen harten Zug. Seine Augen funkelten unter den dunklen Haarfransen.

Sie warteten weitere zehn Minuten. Allmählich lief Cabura der Speichel übers Kinn. Also schlief er fest. Die Jungen schlichen zum Fenster. Phase zwei war geschafft. Nun begann die wichtige und entscheidende Phase drei, die Genauigkeit und eine ruhige Hand erforderte. Was jetzt kam, hatten sie lange geübt.

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